Das Volk der Steine

Publiziert: 13 Juli 2014

Seit Jahrtausenden flammt im Maggiatal immer wieder ein dramatischer Kampf zwischen Mensch und Natur auf. So entstand dort eine einzigartige Welt, in der menschlicher Erfindungsgeist im Einklang mit seiner Umwelt erst wahren Genius zeigt.

Es war einmal ein ganz erstaunliches Völkchen. Es siedelte in einem grünen Gebirgstal, durch das sich ein heiterer Bergbach schlängelte. Wälder, Weiden und terrassierte Felder spendeten vielfältige Gaben, Getreide, Käse und Wein. Um die Nahrungsmittel zu lagern, nutzten jene Menschen unterirdische Räume, die durch Luftströmungen so temperiert wurden, dass sie im Sommer kühl und im Winter mild waren. Dazwischen luden Tische und Bänke zum Verschnaufen oder zum fröhlichen Beisammensein sein. Auch Sinn für Schönheit besass jenes Volk: Manche Wege waren von rebbewachsenen Pergolen überschattet, die Wände der Tempel mit kunstvollen Gemälden geschmückt.

Bäume der Erkenntnis


Doch eines Tages genügte all dies nicht mehr, als nämlich die Versuchung in jenes liebliche Tal einzog: mit dem Angebot, den Wald gegen klingende Münze zu verkaufen. Einer nach dem anderen fielen die altehrwürdigen Bäume der Säge zum Opfer. Dann schlug die geschundene Natur zurück. Schon früher war der meist idyllische Bergbach nach starkem Regen zu einem wilden Fluss angeschwollen. Jetzt aber, mit entblössten Ufern und künstlich verändertem Lauf, verwandelte er sich in ein Ungeheuer. Wenn ein Wehr brach, donnerten gewaltige Sturzfluten durch das Tal, brachten Mauern und Häuser zum Einsturz, rissen Menschen und Tiere, selbst riesige Granitblöcke von mehr als einem Kubikmeter Grösse mit sich.
Nach vielen Diskussionen und zahlreichen Todesopfern gelangte man endlich zur Erkenntnis, dass diese Urgewalt nur zu besänftigen war, indem man die Gier durch Masshalten eintauschte. Unter grossen Anstrengungen und Kosten wurden Tausende Kastanienbäume gepflanzt. Sie sollten eines Tages die Kraft des Wassers wieder brechen und Nahrung bieten. Zudem bauten die Talbewohner mächtige Schutzwälle. Um die Monolithe und Platten zu transportieren, verlegten sie, so nimmt man an, sogar Schienen. Das Gestein wurde teils so fein bearbeitet, dass zwischen die Ritzen kein Messer mehr passte. Und so endet auch diese Geschichte mit der bitter erworbenen Erkenntnis, dass die Natur früher oder später gnadenlos zurückschlägt, wenn der Mensch sie allzu masslos ausbeutet – dass es aber auch einen Weg miteinander gibt.

Der Sündenfall im Maggiatal


Diese Geschichte spielte nicht in einem fernen Land, sondern im Tessin des 19. Jahrhunderts. Der Hauptort jenes Bergvölkchens heisst Cevio, und das seit mehr als 700 Jahren. Die Besiedelung des Maggiatals, in dessen Zentrum die Gemeinde liegt, geht jedoch bis ins Neolithikum zurück. Um die Wunder jener höchst eigenen Welt zu entdecken, bietet sich als Ausgangspunkt das Museo di Valmaggia an. Themenbezogene Räume geben Zeugnis vom oft harten Leben, beleuchten Geschichte und Religion, die Rolle der Frau, Viehzucht und Almwirtschaft. Dazu kommen wechselnde Ausstellungen, zurzeit "Pioniere in den Alpen" über den Bergbau in der Steinzeit. Ergänzt wird die Offerte durch Führungen.
Letztere werden auch für den Lehrpfad "Sentiero dei grotti" angeboten, ein 45-minütiger Rundgang durch ein rund zwei Hektar grosses Areal, auf dem mehr als 60 jener ausgeklügelt temperierten, natürlichen Lagerkeller ausgegraben wurden. Der Weg ist Teil der regionalen Initiative "Pietraviva", die den Stein anhand diverser Projekte als beherrschendes Element im Leben der Maggia-Bewohner präsentiert.
So stehen auch bei einem weiteren Wandervorschlag, "Cevio e gli argini" (Cevio... und seine Flussverbauungen), Steine im Vordergrund: jene erstaunlichen Befestigungen und Wellenbrecher, mit deren Hilfe man die zerstörerische Wucht der Maggia einst aufzuhalten suchte. Natürlich gibt es unterwegs noch mehr zu entdecken, Gebäude, Grotti und die üppige Vegetation. Die ebenfalls leichte Tour endet in Boschetto, einem Weiler, in dem die Auseinandersetzung von Naturgewalt und Menschenwerk besonders prägnant hervortritt.

Info

Museo di Vallemaggia
6675 Cevio
+41 91 754 13 40
info@museovalmaggia.ch
www.museovallemaggia.ch
www.ascona-locarno.com
www.ticino.ch

Preis
Erwachsene CHF 6,- Kinder bis 16 Jahre CHF 3,- Familien CHF 12,- Gruppen ab 10 Erw. CHF 4,- pro Person Behinderte gratis

Wann

1. April bis 31. Oktober Dienstag bis Sonntag 13.30 bis 17.00 Uhr

Wo

Hotels

  • Hotel Casa Berno
  • Boutique Hotel La Rocca
  • Camping Tamaro

    24.2 km

    Camping Tamaro

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