Kunst und Kastanien

Publiziert: 28 September 2014

Schöner, neuer Trend: Urige Kastanienfeste vereinen sich in den Tessiner Tälern mit aufstrebendem Kunsthandwerk.

Jetzt liegt er wieder in der Luft, der Duft gerösteter Edelkastanien, wird den glänzenden, dunkelbraunen Früchten ihr süsses, nussiges Aroma entlockt. Nirgendwo in der Schweiz ist der Bestand so gross wie im Tessin. Nirgendwo haben Marroni-Feste eine so alte Tradition. Diese “Castagnate” sind der Inbegriff frühherbstlicher Schönheit und Genussfreude. Die Berge kleiden sich in warme Violetttöne. Noch erstrahlen die Wälder in üppigem Grün, hie und da durchtupft von gelbem und rotem Laub. Durch die engen Gassen der Dörfer ziehen die Rauchschwaden der Kastanienfeuer. Auf der Piazza vor der Kirche trifft man sich, plauscht mit den Röstern, knabbert die heissen Früchte, schlürft einen Nostrano dazu. An den Ständen locken vielfältige Spezialitäten. Oh, Kastanienlikör! Kastanienbrote! Pasta! Polenta! Erdverbundene Küchenchefs zaubern Kuchen und Glacés daraus, Mousse, Crèmes und Pfannkuchen.

Leckeres und Schönes glücklich vereint


Eine relativ neue Entwicklung in der traditionsreichen “Maronenszene” ist die Kombination der Feste mit Kunsthandwerkermärkten. So zeigen am Sonntag, 5. Oktober, etwa Sonogno im Verzascatal (11.00 bis 16.00 Uhr) und Aurigeno im Maggiatal (10.00 bis 16.00 Uhr), dass die Einwohner dort nicht nur ans Vergnügen denken, sondern auch an die Arbeit – wobei das Endprodukt beides ist: Kunsthandwerk. Die Entwicklung dieser kreativen Wirtschaftsbranche hat in den letzten Jahren hoffnungsvolle Fortschritte und billigem “made in sonstwo” tapfer Konkurrenz gemacht. Mit erstarkendem Stolz werden Verzasca-Wolle und Maggia-Korbwaren angeboten, Objekte aus Peccia-Marmor und Schnitzereien nicht nur, aber auch aus Kastanienholz – womit wiederum eine glückliche Synergie zwischen Kunst und heimischer Natur entsteht.

Zwischen Kaiserküche und Schweinetrog


Die botanischen Multitalente nutzten schon vor rund zweitausend Jahren die Römer: als Holzlieferanten, Färbemittel, Viehfutter, in der Medizin, als Nahrung, gar als Delikatesse am Kaiserhof. Aus frühkaiserlicher Zeit sind diverse Rezepte überliefert. Mit ihrem unfehlbaren Sinn für Genuss und Nützliches gleichermassen, verbreiteten die Römer die im Mittelmeerraum heimischen Pflanzen im ganzen Reich bis hinauf nach Britannien.
Im Mittelalter stand die Verwendung als Grundnahrungsmittel im Vordergrund. Karl der Grosse befahl sogar den Anbau auf Königsgut. Gegen Ende dieser Epoche gerieten die “Marroni” jedoch in Verruf: Ihr Genuss führe zu schlechter Verdauung, Kopfschmerz, Blähungen, schlimmer noch, zu verstärktem Sexualtrieb. Angesichts solch schrecklicher Bedrohungen wurden die braunen Früchtchen fortan nur noch als Nahrung für die arbeitende Bevölkerung und Schweine verwendet. Bei Leuten von Stand waren sie “out”, ihr Bestand sank.
Mit der Renaissance kehrte auch im Maronenhain wieder eine Wende ein. Heute gedeiht Castanea Sativa in fast ganz Europa, resistente Arten sogar in Südskandinavien. Besonders wohl aber fühlen sich die wärmeliebenden Bäume nach wie vor zu Hause: im sonnigen Süden der Alpen.

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Wann

Sonntag, 5. Oktober: in Sonogno von 11.00 bis 16.00 Uhr Markt und "Castagnata"; in Aurigeno von 10.00 bis 16.00 Uhr Herbstmarkt

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