Der schwarze Weg in den Süden

Publiziert: 20 Juli 2014

Dem schweren Schicksal der Kinder, die einst als Kaminfeger nach Mailand "verkauft" wurden, hat das Museo di Val Verzasca in Sonogno eine bewegende Ausstellung gewidmet.

Anders als heute, war es im 18-ten Jahrhundert alles andere als ein romantisches Vergnügen, im Verzascatal zu leben. Das Leben war hart – so hart, dass Eltern zuweilen aus schierer Not gezwungen waren, das Teuerste, das sie hatten, in die Fremde zu verkaufen: ihre Kinder. Waren es zierliche Knaben, führte der Weg oft nach Mailand. Dort wurden sie als Hilfskräfte benutzt, um die engen Grossstadtkamine zu reinigen. Ihre Dienstherren hatten selbst oft nur das Nötigste, um ihr karges Dasein zu fristen. Ihrer Willkür waren die Kaminfegerbuben schutzlos ausgeliefert. Viele dieser ohnehin zarten Kinder überlebten das Elend nicht, körperlich geschwächt und ausgelaugt, krank vor Einsamkeit, Heimweh und der Sehnsucht nach den Eltern und Geschwistern.

Allein, hungrig, ausgebeutet


So erging es auch Giorgio, dem kleinen Helden aus Lisa Tetzners und Kurt Kläbers Roman “Die Schwarzen Brüder”. Auch er durchleidet als “lebender Besen” in der Enge der staubigen Kamine die Hölle, aber nicht nur dort. Auch sein Brotherr schindet und beutet ihn gnadenlos aus. Giorgio kämpft tapfer um sein miserables Bisschen Leben, und mit ihm seine Schicksalsgenossen, andere Kaminfegerjungen, mit denen er sich angefreundet hat, die “Schwarzen Brüder”. Doch dann ereilt auch Giorgio das Schicksal. Bei der Arbeit erleidet er einen Unfall und erstickt fast. Er überlebt nur durch einen glücklichen Zufall: Ein Tessiner Arzt, der in der Nähe ist, hilft ihm. Der gütige Mann ermöglicht dem Jungen später sogar eine gute Ausbildung. So kann Giorgio eines Tages als Lehrer in sein Heimatdorf Sonogno zurückkehren und eine Familie gründen. Ende gut, alles gut, zumindest im Roman. In der Realität endeten viele Kaminfegergeschichten mit einem elenden Tod nach einem mindestens ebenso elenden, kurzen Leben.

Klassiker der Jugendliteratur


Tetzners und Kläbers ebenso anrührend wie spannend geschriebene Erzählung wurde 1941 veröffentlicht. Sie ging um die Welt, wurde mehrfach verfilmt, als japanische Comic-Serie und als Spielfilm, war Handlung eines Musicals. Zweifellos gehört sie heute zu den Klassikern der Jugendliteratur. In Zusammenarbeit mit dem Museum Hermann Hesse in Montagnola hat das Museo di Val Verzasca in Sonogno dem fiktiven Romanhelden Giorgio und all seinen unbekannten, realen Schicksalsgenossen noch bis Ende Oktober eine Ausstellung gewidmet. Mit eindrücklichen Mitteln beleuchtet sie deren Leben. Die Buchillustrationen des Zürcher Zeichners Hannes Binder in der für ihn typischen schwarz-weissen Schabkartontechnik im Treppenaufgang berühren durch ihre traurige Emotivität. Im Obergeschoss sind Arbeitsgeräte ausgestellt, dazu Informationen über die Romanautoren Tetzner und Kläber.

Made in Verzasca


Der Weg ins Museum lohnt jedoch nicht allein aufgrund der Ausstellung über Sonognos kindliche Auswanderer. Das alte Dorfbackhaus, in dem es seinen Hauptsitz hat, beleuchtet anhand von rund tausend Exponaten auch das karge Leben der Zurückgebliebenen. So kann man sich etwa über die Wollverarbeitung informieren. Ausserdem bietet ein Kunsthandwerklädchen die Möglichkeit, ein meist im Tal gefertigtes Erinnerungsstück zu erstehen – garantiert nicht made in China – und so die Existenz der heutigen Verzasca-Bewohner zu unterstützen.
Wer am Samstag, den 26. Juli, auf Tour nach Sonogno geht, kommt anlässlich des Sommerfests des Skiclubs Verzasca nicht nur in den Genuss verlängerter Öffnungszeiten bis 20.00 Uhr. Die Besucher dürfen gleich auch noch gratis durchs Museum streifen. Das Gesparte kann man dann draussen in Grillfleisch und Steinofen-Pizza investieren und bei Live-Musik einen schönen Abend geniessen. Anders als im 18-ten Jahrhundert, kann das Leben im Verzascatal heute schliesslich durchaus ein romantisches Vergnügen sein.


Info

Museo di Val Verzasca
6637 Sonogno
+41 746 17 77
museo@verzasca.com
www.museovalverzasca.ch
www.ascona-locarno.com
www.ticino.ch

Preis
Erwachsene CHF 5.- Kleinkinder gratis, Kinder von 6 bis 16 Jahren CHF 2.- Gruppen (mind. 10 Pers.) CHF 2.- pro Pers.

Wann

Bis 31. Oktober täglich geöffnet von 13.00 bis 17.00 Uhr

Wo

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