Musik zwischen Himmel und Erde

Publiziert: 5 Oktober 2014

Alle Engel im Himmel singen hört, wer die Konzerte der Reihe mittelalterlicher Musik "Cantar di Pietre" besucht.

Eine der schönsten Facetten des Mittelalters ist seine Musik. Gregorianische Choräle, Minnesang, die Lieddichtung der Troubadoure – die Begriffe wecken positive Assoziationen. Zum 17. Mal geht in diesem Herbst die Konzertreihe mittelalterlicher Musik “Cantar di Pietre” über die Bühne, besser gesagt stilvoll durch einige der schönsten Kirchen des Tessins. “Nachdem die kollektive Angst vor einem wahrscheinlichen und baldigen Weltuntergang ausgetrieben war, wurde in ganz Europa das zwölfte Jahrhundert dasjenige der Liebe”, erklärt Giovanni Conti, der künstlerische Leiter des Festivals, seine Begeisterung insbesondere für die hochmittelalterliche Musik. Auch das Bild der Frau ändere sich in dieser geschichtlichen Phase: Sie werde nicht mehr nur als Versucherin betrachtet, sondern als Inspiration, gar als Mittel der Verfeinerung des eher groben Mannes besungen.

Fleischliche und göttliche Liebe


Eine der ganz grossen Gestalten des 12. Jahrhunderts ist Hildegard von Bingen. Die Schweizer Gesangsgruppe “Adiastema” widmet ihr ein Konzert am Samstag, 11. Oktober, um 20.30 Uhr. Was kaum bekannt ist: Zu den zahlreichen Talenten der Universalgelehrten zählt auch die Komposition. “Mit Adleraugen ergründet Hildegard das fruchtbare Innere der Erinnerung, die das göttliche Feuer in jedem Lebewesen eingeschlossen hat”, ist in der Konzertbeschreibung zu lesen. “Mit welcher Sinnlichkeit beschreibt die deutsche Nonne die liebende Vereinigung, den unterschiedlichen fleischlichen Genuss von Mann und Frau! Mit welchem Feuer vergleicht sie die engelhaftesten und zartesten Freuden von Adam und Eva im Garten Eden, um sie letztendlich hoheitsvoll in die Zeit des Gottessohnes zu projizieren! (…) Hier mischen sich körperliche und göttliche Liebe, um etwas Einzigartiges zu schaffen.” Der Rahmen für die mystische Chorpräsentation könnte passender nicht sein: die romanische Kirche S. Ambrogio in Cademario. Sie wurde zu Hildegard von Bingens Lebenszeit gebaut.

Selig in Bellinzona


Am Donnerstag, 16. Oktober, wird die prächtige Chiesa Collegiata in Bellinzona um 21.00 Uhr Austragungsort von “Officium”, was so viel heisst wie “Aufgabe”, “Verpflichtung” oder “Beruf(ung)”. Dahinter steht ein gemeinsames, international anerkanntes Werk der vier britischen Sänger von “The Hilliard Ensemble” und des norwegischen Jazzmusikers und Saxophonspielers Jan Garbarek, ein Brückenschlag zwischen Mittelalter, Renaissance und Moderne, zwischen Komposition und Improvisation.
Am gleichen Ort endet Cantar di Pietre am Sonntag, dem 19. Oktober, ab 20.00 Uhr mit “Pulchra es amica mea” (schön bist du, meine Freundin), der unveröffentlichten “Vesper der seligen Jungfrau” des Kirchenmusikers Tommaso Graziani aus dem 17. Jahrhundert. Durch Wechselgesänge zweier Chöre will das “Modulata Carmina Ensemble” die Beziehung zwischen Himmel und Erde vergegenwärtigen, zwischen Licht und Schatten. Die Harmonie soll beide in einem Klang vereinen.

Info

Cantar di Pietre

+41 91 862 33 27
info@cantardipietre.ch
www.cantardipietre.ch
www.amicidelticino.ch
www.ticino.ch

Preis
Konzert "Officium" (16. Oktober): Eintritt CHF 35.-, Mitglieder von Club Rete Due, Cantar di Pietre, Festival Antegnati CHF 30.-; zu den anderen Konzerten ist der Eintritt frei

Wann

Samstag, 11. Oktober, 20.30 Uhr, Cademario Donnerstag, 16. Oktober, 21.00 Uhr, Bellinzona Sonntag, 19. Oktober, 20.00 Uhr, Bellinzona

Wetter

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